|
Leseprobe - Liste des Leids
Liste des Leids
/ Blaumann
/ Party
Eske.
Ich habe die Schnauze voll. Eigentlich könnte alles so schön sein: Ich
bin frisch verliebt, habe eine tolle Wohnung, einen Wagen, der trotz
allem äußeren Anschein funktioniert, sogar einen Job, der mich ernährt,
und morgen versuche ich, mir das Rauchen abzugewöhnen. Zu dumm, dass
ich auch Freunde habe. Eine beste Freundin namens Mona zum Beispiel.
Und exakt hier verdunkelt sich mein kleines Glück.
Mona hat zwar endlich eingesehen, dass es sie und vor allem auch mich
zermürbt, wenn sie gedanklich immer noch ihrer verflossenen Liebe hinterher
hängt. Das ist schön, das Thema ist überwunden. Aber jetzt ist Mona
glücklicher Single. Und das ist mindestens genau so schlimm.
Am Glücklichsten war Mona gestern. Wir waren im Familieneck, wo sie
mir mitteilte, wie super ihr ihr neues Leben gefallen würde. Im Laufe
des Abends und nach eigentlich gar nicht so vielen Getränken stand Mona
dann in der Mitte des Raumes und sang laut ihren eigenen Text zu einer
mir unbekannten Melodie. Thematisch ging es darum, wie toll es wäre,
ein Single zu sein. Der Beifall war eher verhalten bis gar nicht vorhanden,
und ich hatte das Gefühl, dass Mona nicht sehr überzeugend war. Das
sagte ich ihr selbstverständlich nicht, denn wer schießt sich schon
gerne selber ins Knie. Außerdem brach sie von ganz allein in Tränen
aus und wiederholte noch einmal, wie glücklich sie sei.
Zu allem Übel will Mona wieder ein Buch schreiben. Das hat sie schon
einmal getan, und ich hatte nur begrenzten Spaß dabei. Denn erstens
gab es für lange Zeit kein anderes Thema mehr, und zweitens hatte ich
das Gefühl, vom Semialkoholiker zum Schnapsprofi zu werden. Keine schöne
Zeit.
Gut, Mona und ich haben sie miteinander durchgestanden. Wie Freundinnen
eben, mit Geben und Nehmen (vor allem gegenseitiges Schnapsausgeben
und -annehmen). Aber ich kann das nicht schon wieder. Ich bin eindeutig
zu alt und auch viel zu reif dafür. Zumindest ist mein neuer Freund
dieser Meinung. Vielleicht sollte er mal mit Mona darüber reden. Er
ist ja so sensibel.
Mona.
In den nächsten sechs Tagen dachte ich viel nach: über den Horst und
mich, den Horst und Pia, Crispin und mich. Wie schon erwähnt, eigentlich
hatte ich gedacht, diese Phase längst hinter mir gelassen zu haben.
Aber es war ja nicht das erste Mal, dass es anders lief, als man sich
das vielleicht so vorstellte. Eigentlich lief sowieso immer alles anders
als man sich das so vorstellte.
Folgende Ereignisse bekam ich deshalb während jener Woche nur am Rande
mit:
1. Eske verbrachte drei (in Zahlen: 3!) aufeinander folgende Nächte
mit dem Verwalter. Höchst Besorgnis erregend! Aber sie sagte dazu nur,
Behnke junior sei "hot" und sie würde mir die Freundschaft kündigen,
wenn ich ihn ihr madig machte. Nun ja. Hielt meinen Mund. Hatte genügend
eigene Probleme.
2. Noch am Dienstag festgestellt, dass mein Chef in einem ziemlich neuen
Auto durch die Gegend fuhr, auf dessen Heckscheibe in großen Lettern
"Abi '67" prangte. Das war es dann ja wohl mit der Autorität. Ich für
den Rest der Woche aufmüpfig. Chef sauer. (Noch ein Problem mehr.)
3. Jan stritt sich am Mittwoch zum ersten Mal überhaupt mit Daniela.
Ohne Grund, behauptete Jan, aber das glaubte ich ihm nicht. Ich an seiner
Stelle hätte mich schon längst mit Daniela gestritten. Eine Frau, die
in einer überhitzten, verrauchten Kneipe einen heißen Kakao bestellte
(klein, ohne Sahne) und sich dann beschwerte, er würde nicht schmecken
und sie hätte einfach keinen Spaß mit den ganzen Besoffenen um sie herum,
hatte meines Erachtens nichts anderes verdient. Jan ebenfalls sauer
(auf mich und auf Daniela).
4. Am Donnerstag stellte Karl fest, dass in seiner Werkzeugkiste ein
ganz besonderer Schraubenzieher fehlte. Ich konnte ihm dessen Verbleib
nicht erklären. Karl richtig sauer (auch zum ersten Mal überhaupt).
Lud ihn zur Wiedergutmachung für den folgenden Sonntag zum Essen ein.
5. Ebenfalls am Donnerstag Crispin im Viertel mit fremder Frau gesichtet.
Ich sauer. Dachte aber positiv und hoffte darauf, dass sie "nur eine
Bekannte" war. Nach fünf Stunden fest davon überzeugt.
6. Susa am Freitag im Familieneck auch ohne Eskes und mein Zutun von
Rocko und Thomas zum Mittrinken genötigt. Grund: Susas T-Shirt mit dem
Aufdruck "Junger Mann zum Mitreißen gesucht". Hatte ihr geraten, eigenen
Stil zu beweisen, um in die Runde vorzustoßen. Susa glücklich, auch,
weil sie endlich heraus fand, dass ihr geheimnisvoller Unbekannter auf
den außerordentlich spannenden Namen Rainer hörte. Uaaah. Verkniff mir
aber die Bemerkung, dass ich noch keinen Typen mit diesem Namen getroffen
hatte, der etwas taugte. Wollte dem jungen Glück nicht im Wege stehen.
7. Ebenfalls am Freitag Tequila im Familieneck ausverkauft. Skandal!
Rocko allerdings gar nicht sauer. Kurzfristiges Ausweichen auf Absinth
sorgte endlich mal für willkommene Abwechslung und unverbrauchte Stimmung.
Aram höchst erfreut (Absinth teurer als Tequila), Eske betrunkener als
ich. Im Grunde einziges Erfolgserlebnis.
8. Alf am Samstag zugesagt, mit ihm zu seinem nächsten Geburtstag über
ein Wochenende nach New York zu fliegen (Freitag hin, Sonntag zurück).
Etwa zeitgleich in der "Mutter" auf dem Tresen "Ein bisschen Frieden"
gegrölt und dazu Luftgitarre gespielt. Nur knapp dem Hausverbot entkommen
(schnell vorgetäuscht, mir wäre schlecht, und fluchtartig Laden verlassen.
Danach auf Stresemannstraße fast überfahren worden und versucht, neu
installierten Blitzer abzubauen). Alf erst begeistert, dann genervt.
Wäre ich nicht die ganze Zeit so extrem horstig drauf gewesen, hätte
es eine gute Woche sein können. Aber so war ich am Ende ein Wrack.
nach
oben
|